Die Jazzfederation bleibt auch in Corona-Zeiten LIVE! - Interview mit Clemens Seemann

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Jazz Federation bleibt auch in Corona-Zeiten LIVE

 

Allerdings leider nur im Netz, dafür aber in bester Qualität: mit der Plattform „hamburg.stream“, auf der erstklassige hamburger Musiker zwei- bis dreimal wöchentlich in professionell aufgenommenen Studio-Konzerten auftreten. Einer der maßgeblichen Entwickler und Betreuer des Projekts ist der Berliner Kulturmanager Clemens Seemann. Ihm haben wir die folgenden Fragen gestellt:

 

Ihr habt im April kurz nach dem „lock down“ hamburg.stream mit dem Projektteam praktisch in wenigen Tagen aus dem Boden gestampft. Was waren die größten Herausforderungen?

Aus meiner Sicht gab es drei Herausforderungen. Die erste Herausforderungwar die Qualität im Streaming. Mit Beginn der Corona-Maßnahmen gab es eine Vielzahl von Streams und das Gefälle in der Qualität war unglaublich groß. Uns war klar, dass wir in Ton- und Bildqualität auf höchstem Niveau arbeiten müssen. Dafür mussten wir erstmal die richtigen Leute finden. Zum Glück hatten wir mit Wolf Kerschek und dem Phina Music Studio einen Ort an unserer Seite, der für brilliante Aufnahmen bekannt und geeignet ist. Dazu kamen Rainer Damisch und Julian Andrä, zwei universelle Technik-Füchse mit einer großen Expertise für Tonaufnahmen. Aus meinem Netzwerk konnten wir Hendrik Schacht und Nicolas Haumann von Open Strings Berlin gewinnen, die eine entsprechende Expertise in der Video-Produktion mitbrachten. Ergänzt durch Jeeyun Jang, die sich um den Live-Schnitt kümmert und Multimedia Composition an der HfMT-Hamburg studiert, hatten wir ein hervorragendes und breit aufgestelltes Team mit entsprechender Erfahrung und großer Lust zu großen Taten.

 Die zweite Herausforderung war die Finanzierung des Starts. Es war wichtig, dass wir im Sinne des Qualitätsanspruchs mit bester Technik starten und zum anderen brauchten wir auch einen finanziellen Puffer für die ersten Streams. Hier hatten wir das große Glück, in der Adalbert Zajadacz Stiftung einen Initialförderer zu finden, der das Projekt angeschoben hat. Ebenso konnten wir hier mit Euren hervorragenden Kontakten aus und in der Jazz Federation auf vorhandene Eigenmittel zurückgreifen und kurzfristig eine Förderung über das Jazzbüro realisieren. Dass das alles in nur wenigen Tagen geklappt hat, ist ein wahrer Glücksfall, und Christophe Schweizer (Erster Vorsitzender der Jazz Federation Hamburg e.V.) gilt hier als „Strippenzieher“ ein besonderer Dank. Ein paar Projekte habe ich schon auf dem Buckel, aber das war auch für mich ein atemberaubendes Tempo.

Die dritte und vielleicht wichtigste Herausforderung war die öffentliche Wahrnehmung – wir wollten nicht das Gefühl eines weiteren kostenlosen Streaming-Angebots schaffen. Die Zuschauenden sollten über einen einfachen Weg die Möglichkeit erhalten, die Wertigkeit der Musik und des Streams nicht nur über einen Like, sondern auch über eine Spende zu honorieren - z.B. mit dem Kauf von digitalen Tickets oder virtuellen Getränken. Hierfür konnten wir mit meinem Team eine entsprechende Webseite sowie SocialMedia-Kanäle einrichten und ein Spendensystem aufsetzen, welches die Spenden-Abwicklung bis hin zum Versand der Spendenmitteilung nutzerfreundlich automatisiert.

 

Was waren bisher die Highlights dieses streaming-Projekts – und die Flops?

Bisher sind große Flops ausgeblieben. Vor allem die Angst vor einem technischen Ausfall des Streams war und ist sehr groß, aber bisher läuft alles wie geschnitten Brot (*klopft auf Holz*…).

Musikalisch haben wir ein paar Ausflüge in andere Genres gewagt, und wir haben hier die Erfahrung gesammelt, dass kontemporäre Musik oder Klassik nicht automatisch gut angenommen werden. Hier sehe ich durchaus das Potenzial, dass sich hamburg.stream noch zu einer facettenreichen Plattform entwickelt. Ein Highlight war sicher das Benefizkonzert mit Vladyslav Sendecki und Jürgen Spiegel, an dem an einem Abend über 6.000€ an Spenden gesammelt wurden. Nicht nur die Qualität des Konzertes, sondern die Botschaft hat mir gut gefallen. Die Solidarität der Gesellschaft ist an diesem Abend für mich besonders deutlich geworden. Jeder hat etwas gegeben, Vlady & Jürgen ihre Musik, viele Personen ihren technischen Support und noch mehr Leute viele Spenden – dadurch können fünf in Not geratene Musiker:innen aus Hamburg mit jeweils 1.000€ unterstützt werden.

Musikalisch hat für mich ToyToy nochmal gezeigt, wo der Frosch die Locken hat. Bild- und tontechnisch ist mit dem Stream von Paul Imm’s Projekt „Full House“ ein kleines Kunstwerk gelungen, was mich sehr erfreut hat.

 

Blicke mal auf künftige Zeiten – was könnten und sollten wir wohl mit dem Projekt und den gewonnenen Erfahrungen in „normalen“ Zeiten anfangen?

Puh. Darüber haben wir auch im Team schon geredet. Ich formuliere es mal so: Das Internet wird nicht verschwinden, die Bandbreiten werden steigen und die Kameras sowie Abspielgeräte werden immer günstiger und besser, darauf würde ich mich festlegen. Ebenso darauf, dass das Live-Konzert nie aussterben wird oder ersetzt werden kann. Viel mehr möchte ich den Stream als additive Ebene zum Konzert verstehen, die keinesfalls kostenfrei und immer verfügbar sein soll. Aber ein Stream ist ja so etwas wie ein dreidimensionales Foto von einem ziemlich beeindruckenden und schönen Moment. Ein Foto wird den Augenblick nie ersetzen, aber man kann es teilen und somit Rund um den Globus Personen teilhaben lassen.

Vor allem interessiert mich aber noch der Bereich der Live-Interaktion zwischen Zuschauer:innen und Künstler:innen – was ist hier noch möglich? Die Zuschauer:innen können bisher ins Studio schauen, sind aber im Gegensatz zum Konzert für die Künstler:innen noch nicht sichtbar. Hier haben wir 2-12 Ideen, die wir gerne in der zweiten Staffel von hamburg.stream ausprobieren wollen. Wir freuen uns, wenn viele Fans dabei bleiben, weiterhin großzügig, offen und offenherzig sind.

 

Ein Beitrag von Günter Muncke

 

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