"Eine großartige Erfahrung"

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(C) Frank Siemers

„Die Zentriertheit von Gary Peacock ist beeindruckend“

Als Teil der von der Kulturbehörde geförderten und von der Jazz Federation kuratierten Reihe „Jazz Heroes“ konnte der Hamburger Drummer Björn Lücker den großen Gary Peacock einladen. Das Konzert, das sie am 27.11. zusammen mit Florian Weber im Stage Club gaben, war umjubelt. Hier erzählt Lücker, wie er die von ihm organisierte gemeinsame Tour mit insgesamt fünf Auftritten erlebt hat.

 

Die Präsenz von Gary Peacock auf der Bühne im Stage Club war bemerkenswert. Wie hast du das empfunden?

Es war der dritte Gig der Tour, und das kennen wir ja: Beim ersten Mal ist es noch ein Suchen – zumal wir nur einen Tag zum Proben hatten –, aber dann haben wir uns immer besser eingegroovt. Ich war natürlich aufgeregt, gerade auch in Hamburg bei meinem Heimspiel. Aber die Ruhe und Zentriertheit, die Gary ausstrahlt, sind sehr beeindruckend.

Wie findet man in so kurzer Zeit zueinander?

Indem man die Ohren aufmacht, sich ganz auf den Moment fokussiert und die Erwartungen so weit wie möglich loslässt. Das war es auch, was Gary postuliert hat. Er ist Zen-Buddhist und wohnt in der Nähe eines Klosters, in dem er regelmäßig praktiziert. Und natürlich hat das eine Wirkung auf die Musik. Gary versucht, auf der Bühne möglichst wahrhaftig zu sein und zu reagieren auf das, was wirklich da ist, alles Vorgefertigte hinter sich zu lassen.

Wie können wir uns eine Probe für eine solche Tour vorstellen? Ihr hatte vorher ja keinen persönlichen Kontakt.

Wir haben uns eine Weile vorher Noten und Aufnahmen geschickt, und ich habe seine aktuellen Platten sehr aufmerksam gehört, um die Textur seiner Stücke zu ergründen. Aber er hat auch gesagt: „Let’s keep it loose.“ Er wollte viel Raum lassen für freies Spiel. Und so haben wir auf der Probe nur die Noten durchgespielt und für die Improvisation einen Rahmen geschaffen. Alles andere ist auf der Bühne passiert.

Manchmal schien der Geist eines sehr berühmten Trios im Raum zu schweben ...

Florian Weber und ich sind mit dieser Musik von Keith Jarrett, Jack DeJohnette und Peacock aufgewachsen. Wir wurden durch sie im Jazz sozialisiert. Florian erzählte mir, dass er eine Weile seine Keith-Jarrett-Platten verbannen musste, um sich wieder davon lösen zu können. Und wenn man dann auf der Bühne steht, dann ist das natürlich trotzdem da. Dann spielt man das in einem Reflex, der ganz tief verankert ist.

Fühltest du dich unter Leistungsdruck? Dieser Mann hat mit den ganz Großen gespielt. Hast du befürchtet, dass er dich im Vergleich wahrnimmt?

Klar. Das ist schon ein Flash, wenn du merkst, „jetzt steh’ ich hier, und es geht los.“ Das aktiviert Ängste. Aber ganz schnell haben Florian und ich bei den Proben gemerkt, dass Gary daran gar kein Interesse hat. Er hat sofort Augenhöhe geschaffen und auch immer wieder von seiner Zen-Praxis und den Prinzipien berichtet. Das ist zentral für sein Verständnis von Musik. Das wurde auch in den Masterclasses für die Studenten zwischen den Gigs deutlich. Er hat viel gefragt: „Wie hörst du einen Ton, wie hat sich die Wahrnehmung verändert vom Kind zum Jugendlichen zum Erwachsenen?“ Er hat über das Spannungsfeld zwischen dem akademischen Wissen und dem Empfinden der Seele gesprochen – für ihn ein sehr wichtiges Thema. Und es war beeindruckend zu erleben, wie er eine Atmosphäre schuf, in der die Studenten schnell ihre Befangenheit loslassen konnten.

Eine Beobachtung aus dem Publikum: Gary Peacocks Ausstrahlung ist ja eher streng. Aber manchmal, wenn euch besondere Momente in der Improvisation gelangen, leuchtete sein Gesicht auf. Dann war’s ein bisschen, als ginge die Sonne auf. Wie hast du das erlebt?

Genauso. Und das ist, wie Gary Musik versteht und erleben möchte – um diese besonderen Momente zu schaffen. Je besser man eingespielt ist, umso länger kann so ein Moment sein. Eigentlich hätten wir nicht nur zwei Wochen miteinander verbringen sollen, sondern viel länger. Aber ich bin sehr dankbar, dass wir diese zwei Wochen hatten. Es war viel Zeit miteinander, wir waren immer gemeinsam essen, und ich konnte ihn wirklich ein bisschen kennenlernen. Das hatte ich mir gewünscht. Eine großartige Erfahrung.

 

Das Interview führte Sven Rohde. 

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