Elbjazz-Festival: Voll im Groove

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Dieser Artikel von Ulrich Stock stammt aus der ZEIT Nr. 23/2018 vom 30.05.2018. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

Am Donnerstag dieser Woche sollte der Echo Jazz auf Kampnagel an hervorragende Musiker vergeben werden. Das geschieht nun nicht. Implodiert ist eine aufgeblasene Veranstaltung, die seit einigen Jahren vom Bundesverband Musikindustrie im Verein mit dem NDR-Fernsehen ausgerichtet wurde und die im vergangenen Oktober in die Schlagzeilen geriet, als der 3sat-Dokumentarfilm Der Preis der Anna-Lena Schnabel exemplarisch zeigte, um welchen Preis man diesen Preis bekommt.

Die Hamburger Saxofonistin wurde als Nachwuchstalent ausgezeichnet, eine eigene Komposition auf der Gala durfte sie aber nicht spielen, die war den Veranstaltern zu schwierig. Die Preisträger bekamen weder Gage noch Spesen und mussten Eintrittskarten für ihre Gäste lösen, während der NDR den Moderatoren Honorare zahlte.

Die öffentliche Kritik war groß, der Echo Jazz fürs Erste erledigt. Jetzt, am 31. Mai, sollte er neu und anders an den Start gehen, aber die Preisverleihung wurde kurzfristig abgesagt, weil der Echo Pop inzwischen einen viel heftigeren Skandal hervorgebracht hatte mit dem Rapper Farid Bang und seiner Auschwitz-Zeile.

Trauert Hamburg nun? Ist der Ruf als Jazz-Stadt ramponiert? Ganz und gar nicht. Dem Jazz geht es blendend. Vergangene Woche hat Anna-Lena Schnabel, groß geworden im Jazzraum des abgerockten Hafenbahnhofs, mit ihrem Quartett erstmals in der Elbphilharmonie gespielt. Der Kleine Saal war ausverkauft, die Musik schön schwierig, das Publikum begeistert, das Fernsehen nicht da. Und am Freitag beginnt das zweitägige Elbjazz-Festival mit einem so abwechslungsreichen wie ambitionierten Programm, 28.000 Karten sind verkauft, sagenhaft.

Auch abseits von Elbphilharmonie und Elbjazz swingt die Stadt wie lange nicht. Am 12. Juni lädt das Jazzlab zu seiner Sommersause ins Volt ein. Spielen wird das Jazzkombinat, eine junge Hamburger Bigband. Sie bringen Titel von Platten des Jazzlab-Labels in speziellen Arrangements.

Diese Spielstätte am Messegelände kennen viele Hörer noch gar nicht. Unter den deutschen Jazzclubs gibt es hier wohl das jüngste Publikum, im Schnitt Mitte zwanzig. Neulich trat die Wiener Band Shake Stew auf, die – ihrem Namen gemäß – einen feurigen Eintopf bietet, gerührt und geschüttelt. Das doppelt besetzte Septett um den Bassisten Lukas Kranzelbinder hat zwei Schlagzeuger, zwei Bassisten, zwei Saxofone und in der Mitte den grandiosen Trompeter Mario Rom. Der Saal, gepackt voll mit 120 Leuten, schwelgte in den hymnisch aufgeladenen Polyrhythmen.

Das Jazzlab ist ein Kollektiv von 30 Musikern, geführt von einem Vierergespann. Sie greifen Impulse aus Los Angeles und London auf. Einmal im Monat, am ersten oder zweiten Dienstag, bitten sie ins Volt, spielen selber oder laden Gäste ein.

"Jazz ist für uns mehr Haltung als Stil", sagt der Trompeter Philipp Püschel. Sie würden keinen "Hausmeister-Rotwein-Jazz" machen, es gebe "keine Brezeln", sondern "ein großes Labor", in dem alles passieren könne. Püschel schätzt, dass nur ein kleiner Teil des Publikums wegen der jeweiligen Band komme, die meisten Zuschauer gar nicht im Jazz zu Hause seien, aber wüssten, dass es im Volt aufregende Musik gebe.

Püschels eigene Band heißt Rocket Men. Man kann die Raketenmänner und ihren spacigen Jazz im Internet finden, bald soll es auch Vinyl geben.

Eva Johannsen, die jeden Montag im Hafenbahnhof in der Großen Elbstraße ihren Jazzraum öffnet, freut sich über den frischen Wind, den das Jazzlab bringt. "In Hamburg ist es im Moment ganz toll" – und das nach einer schwierigen Phase.

Als vor fünf Jahren das Birdland in der Gärtnerstraße schloss, war das Wehgeschrei groß. Es wurde zum Weckruf für die Szene. Die im Birdland beheimatete Jazz Federation, 400 Mitglieder stark, zog aus und hat jetzt im Stage Club in der Neuen Flora eine Bleibe gefunden. Ein bis zwei Konzerte gibt es in der Woche, meist dienstags.

Jeden Mittwoch gibt es Fat Jazz im Uebel & Gefährlich im Bunker an der Feldstraße, eine Reihe, die vom Saxofonisten Gabriel Coburger mit einem kleinen Team gestaltet wird. Hier war kürzlich die Bude voll, als Peter Brötzmann mit seinem Trio Full Blast auftrat. Der Mann aus Wuppertal hatte vor einem halben Jahrhundert den ersten deutschen Free Jazz gespielt. So pflegt man in Hamburg auch die Tradition, die bisweilen rauer sein kann als das, was die Jungen heute machen.

Mücke Quinckhardt vom Hamburger Jazzbüro führt das wachsende Jazz-Angebot auch auf die Hochschule für Musik und Theater zurück. Vor drei Jahren sei die Zahl der Studienplätze verdoppelt worden. Wer da lernt, wie man spielt, geht dann auch raus und zeigt es.

 

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