Jazzstadt im Werden

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Clubs und Reihen, Festivals und Entwicklung

Drei Dinge – so geht die konventionelle Lehre - braucht es für eine richtige, vibrierende Jazzszene: Musiker, Zuhörer und Jazz-Clubs. In den Clubs begegnen sich Musiker und Zuhörer, tauschen vom einen auf den anderen Abend auch schon einmal die Rolle, lassen sich vom Spiel der anderen anregen oder hängen einfach zwanglos ab. Der Club ist der Ort, an dem Jazz entsteht, wo Nähe und Distanz , Strenge und Ungezwungenheit ausbalanciert werden können, wo gespielt wird und probiert, neue Dinge , neue Stücke, neue Herangehensweisen, Unausgetretenes, Unerhörtes, Unverdorbenes – alles das also, was den Jazz so spannend und reizvoll macht, und manchmal auch so anstrengend. 

Nimmt man diese Sicht als alternativlos wahr, dann lässt sich an den Clubs, an ihrer Zahl, ihrer Größe und Auslastung, ihrer Stimmung ablesen, ob eine Stadt Jazzstadt ist oder eben nicht. Mit nur einem einzigen Club, der über Jahrzehnte wacker und oftmals allein die Fahne der vielfältigen Spielweisen des modernen Jazz über Wasser halten musste, und das auch nur auf dem Rücken der Betreiberfamilie Reichert, die mit enormem persönlichen und finanziellen Einsatz den Laden am Laufen hielten, konnte die zweitgrößte Stadt der Republik, die entschlossen der 2. Million entgegenwächst, in Sachen Jazz mt einiger Mühe vielleicht mit Villingen-Schwenningen mithalten, nicht eben einem Zentrum urbaner Kultur. 

Doch so ganz einfach passt die Schablone nicht. Immer weniger. Auch in Hamburg hat sich viel getan in den letzten Jahren, und auch wenn die Clubquote noch immer bescheiden ist, ist die Szene reicher, lebendiger geworden. Unter dem Schock der zwischenzeitlichen Schließung des Birdland, des verdienstvollen Fahnenhalters des modernen Jazz haben neue Akteure ins Spiel gefunden, Musiker, die eingesehen haben, dass sie nicht auf die Entdeckung warten sollten, sondern ihr Geschick in die eigenen Hände nehmen müssen und an verschiedenen Spielorten Jazzreihen initiiert haben: Einer der ersten war der Saxofonist Gabriel Coburger, der in seiner Reihe Fat Jazz, die nach bewegten Zeiten in verschiedenen Clubs in Altona nun als Satellit des Pop-Clubs Uebel & Gefaehrlich seine vierte Heimstatt gefunden hat, die Hamburger Szene mit Kollegen aus anderen deutschen - und zunehmend europäischen - Städten kurz schließt. Der Bassist Philipp Steen hat eine wöchentliche Reihe für eher am Mainstream orientierte Spielarten des Modernen Jazz im Alten Pferdestall im Univiertel am Leben gehalten. In den letzten Jahren hat einerseits der Saxofonist Vlatko Kucan, der an der Musikhochschule „Improvisation“ lehrt zusammen mit der Gitarristin Luise Determann eine kleine, feine Reihe für freie Improvisation ins Leben gerufen, die nun in den Resonanzraum des Ensemble Resonanz umgezogen ist und in lockerer Folge im Austausch mit musikalischen Gästen aus der europäischen Improvisationsszene eine größere Strahlkraft anstrebt. Zuletzt erregte ein Musikerkollektiv aus dem Umfeld des Jazzstudiengangs Aufsehen mit der Konzertreihe JazzLab in den Räumen des Volt, eines stilistisch offenporigen Tanzclubs in den Räumen der ehemaligen Zentralambulanz an der Karolinenstraße. Auf der Basis eines ausgeweiteten Jazzbegriffs, wird hier versucht, mit elektronischen und tanzerprobten Zutaten sowie Dia- und Film- und Lichtprojektionen, das Format „Konzert“ für ein jüngeres Publikum neu zu definieren. Und schließlich haben sich auch vertraute Akteure wie die jfh, die zuvor im Hintergrund als Mitbetreiber des Birdland wirkte, neu aufgestellt und mit regelmäßigen Konzerten zunächst in der Bar Cascadas in der Innenstadt und seit letzter Saison im Stage Club in der Neuen Flora die zwischenzeitliche Lücke gefüllt. Und auch das Birdland hat seine Türen wieder geöffnet, nicht mehr ausschließlich als Jazzclub, sondern stilistisch breiter gefächert denn je und spürbar erfrischt, mit neuer Euphorie. Ohne Zweifel spielt auch die Elbphilharmonie eine befruchtende Rolle. Engagiert greift sie über die Jägerzäune zwischen U und E hinweg und bringt sowohl was avancierte Popmusik angeht als auch in Sachen Jazz, vor allem im Bereich der bereits etablierten Künstler eine programmatische Fülle in die Stadt, wie sie hier nie zuvor zu erleben war. 

Der Aufschwung des Jazz in Hamburg lässt sich auch ablesen an der zunehmenden Zahl von Festivals, die Jazz und/oder improvisierte Musik in den Fokus rücken und dabei auf eine breite Beteiligung Hamburger Musiker Wert legen. Ende August gibt Summer Jazz in Eppendorf den Auftakt, Anfang September zieht das Jazzbüro Hamburg mit seinem bewährten umsonst & draußen-Schnupperfestival „jazz open“ in Planten un Blomen nach. Auch hier stehen überwiegend Hamburger Musiker auf der Bühne und demonstrieren ihre professionelle Klasse. Mit diesem Festival-Auftakt ist die Sommerpause vorüber. 

Nun, im Alltag, wird sich zeigen, wie weit Hamburg als Jazzstadt gekommen ist. Und auch wenn es keinen ausgesprochenen Jazzclub gibt, ist meine Prognose optimistisch. Geschichte wird gemacht - es geht voran. 

Von Stefan Hentz im August 2018.

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