„Play yourself, man“ – das ultimative Buch über den Jazz in Deutschland

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„Play yourself, man“ – das ultimative Buch über den Jazz in Deutschland

„Play yourself, man“ – das ultimative Buch über den Jazz in Deutschland

 

Hamburg habe „alle wichtigen Voraussetzungen für eine zeitgenössische Jazzszene“, schreibt Wolfram Knauer in seiner kürzlich veröffentlichten Geschichte des Jazz in Deutschland und erwähnt den „rührigen Sender“ NDR mit seiner Bigband, den Jazzstudiengang an der Musikhochschule und den dem Genre verbundenen Veranstalter Karsten Jahnke. Radiopersönlichkeiten wie Hans Gertberg und Michael Naura und Spielorte wie das „Onkel Pö“ und die „Fabrik“ hätten die einstige Hauptstadt des traditionellen Jazz massiv verändert. Immerhin hält sich bis heute der 1959 gegründete Cotton Club mit seinen Live-Programm mit Boogie-Woogie-Pianisten, Dixieland- und New-Orleans-Bands.

Kapitel über die Szene in bestimmten Städten sind Teil der umfassendsten Bestandsaufnahme des Jazz in Deutschland, die der Direktor des Darmstädter Jazzinstituts jetzt vorlegt. Auf über 500 Seiten beschreibt der promovierte Musikwissenschaftler Knauer die Ankunft der exotischen Musik aus Amerika nach dem Ersten Weltkrieg. Der Modetanz Charleston, Damenkapellen und Revues Nègres prägten die Goldenen Zwanziger Jahre, das „Jazz-Age in der Weimarer Republik“. In der Nazi-Zeit war die Musik verpönt, weil sie von Schwarzen stammte und Juden zu ihren besten Interpreten gehörten. Zudem mißtrauten die Nationalsozialisten Rhythmen und Klängen, die Menschen unkontrolliert begeistern. Autoritäre Systeme fordern den Gleichschritt von Marschkapellen. Das galt in den fünfziger Jahren auch in der DDR. „Die Zone swingt, die Stasi nicht...“ hat Knauer ein Kapitel überschrieben.

Dabei hatte das Kriegsende von 1945, die Stunde Null, alles verändert. „Wo zuvor Jazz und Jugendkultur nur unter Gefahr der Verfolgung durch die Nazis zusammenkamen, wurde aus ihnen jetzt ein enges Gespann“, schreibt Knauer und schildert das Aufblühen des Jazz im besiegten Deutschland. Neben Frankfurt, München und Berlin wird die Hamburger Nachkriegsszene herausgestellt. Dort gründete der englische Programmdirektor des britischen Soldatensenders BFN den Anglo-German Swing Club, der 250 deutsche Mitglieder aufnahm. Das Archiv des aus der weitgehend von Bomben verschonten Musikhalle sendenden BFN betreute ein Soldat namens Alec Corner, der später als Alexis Corner ein berühmter Blues- und Rockmusiker wurde. Deutsche Musiker wurden von den Briten zu Radio-Gigs verpflichtet, unter ihnen der Posaunist Günter Fuhlisch und der Gitarrist Ladi Geisler.

Solche gestandenen Musikanten erlebten nun live Idole, die sie bislang nur von Schallplatten oder aus dem Radio kannten. Denn Amerikas Jazz-Elite kam zu Tourneen nach Europa und jamte nach Konzerten oft in Clubs mit einheimischen Kollegen. Die gaben sich die größte Mühe, wie ihre Vorbilder zu klingen. Aber war das die Zukunft?

 

„Play yourself, man!“ - „Spiel dich selbst“. Mit diesem Satz im afroamerikanischen Slang hat Knauer sein Werk überschrieben. Denn die Antwort schwarzer Musiker auf die Frage, wie man ein guter Jazzer werden könnte - „play yourself, man“ - ist Knauers Leitmotiv. Er schildert den Weg der Pianistin Jutta Hipp und des Klarinettisten Rolf Kühn, die sich in den fünfziger Jahren ins Mutterland des Jazz wagten, um in den USA mit ihren Vorbildern zu musizieren – und ihren eigenen Stil zu finden. Besonders ausführlich behandelt Knauer das Werk von Albert Mangelsdorff, dem Posaunisten, der eine völlig neue Spielweise auf seinem Instrument entwickelte. Zudem beschäftigte Mangelsdorff die Frage, ob die deutsche Folklore als Ausgangspunkt für Jazzinterpretationen geeignet sei.

„Deutscher Jazz? - Fragezeichen – Griff zum Volkslied?“  Knauer referiert solche Themen umfassend. Dabei ist sein Buch schlagend aktuell. Zu seinen Ausführungen über die wachsende Rolle von Frauen in der Zunft bringt er die erst einige Wochen alte Meldung, dass sich die „Union Deutscher Jazzmusiker“ in Deutsche Jazzunion umbenannt hat, denn der Interessenverband besteht auch aus Musikerinnen.

Absolut empfehlenswert ist dieses Buch. Wer genau hinschaut, erkennt noch eine Hamburgensie: Der Umschlag von „Play yourself, man!“ zeigt die Gemäldegalerie von Jazzidolen aus dem Birdland in der Gärtnerstraße.  

Wolfram Knauer: „Play yourself, man!“ Die Geschichte des Jazz in Deutschland, Reclam Verlag, 528 Seiten, 36 Euro

 

Ein Beitrag von Hans Hielscher

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