Puppe oder Künstler

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(C) Sendecki

Das star Jazz Festival feiert die Künstler unter den Musikern

Für Hamburgs Jazzfreunde ist der Pianist Vladyslav Sendecki, seit 1996 fester Pianist in der NDR-Bigband, Träger des Hamburger Jazzpreis 2011 und ganz besonders mit seinen Solokonzerten immer wieder ein Garant für außerordentlich intensive Konzerterlebnisse, ein alter Vertrauter. Seit dem vergangenen Jahr bereichert er die Hamburger Jazzszene mit einem ganz speziellen Ereignis, mit dem deutsch-polnischen star Jazz Festival. Der Hamburger Jazz-Journalist Stefan Hentz hat drei Fragen an den künstlerischen Leiter des Festivals, Vladyslav Sendecki:  

 

Wie kam es zum star Jazz Festival? 

Vladyslav Sendecki: Ich kenne Wieslaw Milkiewicz, einen der Chefs der polnischen Mineralölgesellschaft Orlen, die seit vielen Jahren in Deutschland die Tankstellenkette star betreibt, schon lange. Er hat immer wieder einige meiner Projekte beispielsweise bei der Jazz Baltica unterstützt. Als wir vor drei Jahren zusammensaßen und Ideen austauschten, meinte er, wir sollten etwas Größeres auf die Füße stellen, also habe ich ein Festival vorgeschlagen, bei dem insbesondere auch Polen und Deutsche zusammenarbeiten. Aber eines, wo wir keine festen Bands einladen, die von ihren Plattenfirmen herumgeschickt werden, sondern wo wir Musiker in einer neuen, künstlerisch interessanten Form zusammenbringen. Letztes Jahr hatten wir Premiere, und jetzt, am 12./13. Oktober (jeweils 19.30 Uhr), kommt die zweite Ausgabe, organisiert von der Jazz Federation Hamburg und gesponsert von Orlen Deutschland. Und wieder in dem für ein solches Format akustisch besonders gut geeigneten Miralles-Saal der Jugendmusikschule am Mittelweg.

 

Was unterscheidet das star Jazz Festival von anderen Festivals?

VS: Ich versuche den Künstler in den Mittelpunkt zu stellen, denn die Töne haben nur dann eine Bedeutung, wenn sie von einem Künstler kommen. Der Künstler hat die Aufgabe, Menschen mitzunehmen und diese Begegnung, diese Verschmelzung mit dem Publikum, mit sich selbst und der Musik zu erzeugen. Das musst du leben als Künstler, denn wahre Kunst wirkt, und die Leute spüren das, bewusst oder intuitiv. Wenn ein Künstler auf die Bühne kommt, sagen sie am Ende vielleicht, ich verstehe nichts vom Jazz, aber sie haben was gespürt. Da müssen wir hin als Musiker: Nicht flache, irgendwie „genveränderte“ Produkte verkaufen, sondern in das Wahre der Natur eintauchen.   

 

Und das Programm? 

VS: Der Festival-Freitag beginnt in diesem Jahr mit einem Duett des wunderbaren polnischen Saxofonisten Maciej Obara mit dem hervorragenden Pianisten Dominik Wania. Die beiden haben bei ECM gerade eine Quartett-CD herausgebracht, aber hier spielen sie im Duett. Ein interessantes Experiment, mal schauen, was passiert. 

Für die zweite Hälfte des Abends habe ich Material komponiert für eine Improvisationsmusik zu einer Film-Impression zum Thema „Land“, den Timo Großpietsch für das NDR Fernsehen vorproduziert hat: ein bisschen poetisch ohne allzu romantisch zu sein. So etwas Ähnliches habe ich mit Timo Großpietsch schon zum Thema „Stadt“ gemacht, und für solche stilübergreifenden, musikalischen Filmbearbeitungen mit sehr komplexen kompositorischen und improvisatorischen Anteilen habe ich eigens ein Ensemble gegründet, das Motion Ensemble. Der Trompeter Rainer Winterschladen ist dabei und Jürgen Spiegel an Perkussion, Schlagzeug und ein bisschen Computer, und dann gibt es zwei Streicherinnen, eine Flötistin, eine Klarinettistin und einen Waldhornspieler aus der Klassik. So entsteht ein ungewöhnlicher Klang, sehr fragil, ein bisschen roh und ungewohnt. Aber gleichzeitig ist er schön, sehr warm und manchmal auch sehr sperrig. 

Am Samstag spielt The Club of Continents, eine Band, von der man zunächst auch denkt, dass sie nicht so einfach zusammenpasst. Yazhi Gao ist ein Meister der chinesischen Holzblasinstrumente, ein Superstar in China, der in Boston an der Jazzhochschule Berklee studiert hat und an allen möglichen musikalischen Kulturen interessiert ist. Er war sofort begeistert, als ich ihm von dem Projekt erzählte und kommt extra für das Konzert hierher. Aus Hamburg kommt Saliou Cissokho mit der senegalesischen Kora, einem Saiteninstrument zwischen Harfe und Gitarre. Mino Cinelu, der in der Miles Davis Group gespielt hat, soll alles Perkussive machen. Ich spiele Klavier, Keyboards, Rhodes und habe natürlich auch den Computer dabei, und Nils-Petter Molvær macht mit seiner Trompete die Wettervorhersage. Schwer zu beschreiben, das Ganze verbindet Improvisation, ethnische Musik aus vielen Winkeln der Welt und Neue Klassik.

„Universe“, das ist der Maßstab. In dem Moment, wo wir uns begegnen, hören wir auf, einander fremd zu sein. Das ist für uns alle eine Bereicherung, schließlich sind alle Menschen gleich und haben die gleichen Sehnsüchte: alle wollen Liebe und sehnen sich nach Vertrauen. Für mich geht es hier um die Wechselwirkung zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos, denn die Freiheit liegt in jedem. Die Frage ist nur, wie du mit ihr umgehst, ob du dich versklaven lässt oder deine Welt so gestaltest, wie du sie haben willst. Ob du Puppe bist oder Künstler.

 

Veranstaltungsinfos star Jazz Festival

Freitag, 12. und Samstag, 13. Oktober 2018, Beginn jeweils 19.30 Uhr (Einlass 18.30)
Miralles Saal der Jugendmusikschule Hamburg, Mittelweg 42, 20148 Hamburg
Karten: 25 € Tagesticket, 40 € Zweitagesticket (Ermäßigung: Schüler, Studenten, JFH-Mitglieder jeweils 50 Prozent)
Vorverkauf: Konzertkasse Gerdes: www.konzertkassegerdes.de, Rothenbaumchaussee 77,  20148 Hamburg oder Eventim: www.eventim.de

Weitere Infos: 

https://www.jazzfederation.de/de/programm

www.star.de/engagement/star-jazz-festival

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