Tilman Oberbeck über Jazz Heroes Vol. 6: Jorge Rossy

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Die Heroes-Reihe der Jazz Federation hat am 27. November mit der Begegnung von Björn Lücker mit dem Pianisten Florian Weber und dem Kontrabassisten Gary Peacock, einer wahren Legende des modernen Jazz, der in den 60er-Jahren zu dem Zirkel von Musikern wie Paul Bley, Carla Bley, Ornette Coleman in New York gehörte und in den letzten drei Jahrzehnten mit Keith Jarretts Standard-Trio die größten Konzerthallen füllte, die Messlatte für das nächste Heroes-Konzert (Dienstag, 4. Dezember, Stage Club) mit dem Kontrabassisten Tilman Oberbeck, der Altsaxofonistin Anna-Lena Schnabel und dem Schlagzeuger Jorge Rossy sehr hoch gelegt. Dabei müssen sich Oberbeck und Schnabel darauf einstellen, dass ihr eigentlicher Wunsch-Hero, der 1940 in Pittsburgh geborene Schlagzeuger Allen Blairman, seine Teilnahme aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. 
An Blairmans Stelle haben Oberbeck und Schnabel einen Schlagzeuger eingeladen, mit dem beide schon gespielt haben: Jorge Rossy, 54, bekannt als ein quicklebendiger und äußerst offenohriger Musiker vor allem aus dem Brad Mehldau Trio und von seinem Zusammenspiel mit Kurt Rosenwinkel, Mark Turner, Chris Cheek und vielen anderen. 
Stefan Hentz befragte Tilman Oberbeck zu seinen Erwartungen an dieses immerhin schon sechste Konzert  in der von der Kulturbehörde aus dem Musikstadtfonds geförderten Reihe „Jazz Heroes“:

Welche Art von Input hast Du Dir von Allen Blairman erhofft?

Einerseits ist Allen Blairman sehr breit aufgestellt. Er kommt aus einer Generation, für die ich mich immer schon interessiert habe und ist einer der wenigen noch aktiven Musiker, die in den 60er-Jahren in New York gespielt haben. Er war damals mit der Avantgarde zusammen, mit Musikern wie Ornette Coleman und Charles Mingus, Albert Ayler. Er bringt also dieses freie Spiel mit, ist aber zugleich ein sehr groovelastiger Schlagzeuger. Das finde ich für mich interessant, weil ich mich, jetzt, wo das Studium vorbei ist, von ein paar Sachen befreien will, aber das Time-Spielen, das Tänzerische, für mich eine elementare Sache in der Musik bleibt.

Wie seid Ihr darauf gekommen, Jorge Rossy zu fragen? 

Ich arbeite mit Jorge Rossy schon seit Jahren in einer anderen Band (REBOP), wo er Vibraphon spielt; ich sehe ihn einige Male im Jahr und schätze ihn als eine sehr positive, unkomplizierte Person, mit der ich auch menschlich gerne zusammen bin. Er hat eine große Offenheit und hat gleichzeitig keine vorgefertigten Muster, was er von seinen Mitspielern verlangt. Das ist mir sehr wichtig. Ich habe ihn mal gefragt, was er denn von einem Bassisten erwartet? Er meinte, das könne er nicht sagen er ist einfach auf der Bühne, und wenn er merkt, da fehlt etwas in der Musik überlegt er: Okay, wie kann ich das selbst hineinbringen? Das ist schon mal eine Voraussetzung, bei der man sich wirklich gut begegnen kann. Er ist einfach eine inspirierende, kluge Person.
Anna-Lena hat ihn bei einem Bigband-Projekt des Aarhus Jazz Orchestra in Dänemark kennen gelernt, das Jorge leitete. Ihm war aufgefallen, dass Anna-Lena eine Musikerin ist, die unglaublich befreit spielt und einen speziellen Ausdruck hat, so sind die beiden ins Gespräch gekommen.
Obwohl er eine ganz andere Art von Spieler ist, vereint Jorge, ähnlich wie Allen, eine unvoreingenommene Spielhaltung mit einem starken traditionellen Hintergrund. Er ist einer der wichtigen Time-Spieler der letzten Jahre, aber er bedient keine Klischees. 

Spielt das eine Rolle, dass Rossy eine Generation jünger ist als Blairman, aber eine Generation älter als Ihr?

Ich finde es wichtig, dass wir in diesem Projekt verschiedene Generationen dabeihaben. Bei Allen wäre der Abstand größer, das wäre spannend, denn bei einem Abstand von über 50 Jahren sieht man manche Dinge eben ganz anders. Es inspiriert mich, mit Musikern auf der Bühne zu stehen, mit denen ich eine gemeinsame Ebene fühle, wir aber irgendwie auch komplett anders denken. Um zusammen Musik zu machen, müssen wir uns miteinander arrangieren. Diesen Prozess, durch Verschiedenheit zusammen etwas Schönes zu kreieren, den finde ich gerade im Moment auch gesellschaftlich betrachtet, sehr wichtig, den will ich in dieser Gruppe zeigen.
Jorge Rossy wird nicht müde, bei Konzerten auf die politischen Probleme in seiner spanischen/katalanischen Heimat hinzuweisen und verurteilt die nationalistischen Tendenzen. Ihm ist es ein Anliegen, sich für Gemeinsamkeiten anstelle von Grenzen einzusetzen. Als Künstler gesellschaftlich eine Stimme zu haben und diese zu nutzen, das ist ein Aspekt, bei dem unsere Generation hingegen noch wachsen kann.

Gibt es Pläne, das Konzert mit Allen Blairman nachzuholen?

Wir haben im März einige Konzerte gebucht mit Allen. Ich kenne ich schon eine Weile und wir telefonieren regelmäßig, so kam die Idee auf, mit ihm dann diese Tour zu spielen. Wir haben ihn ja schon getroffen, Anna-Lena und ich, das war eine sehr interessante Begegnung. Er ist auch ein sehr spiritueller Mensch, für den auch Sternbilder und solche Dinge eine Relevanz haben. Zu Anna-Lena hat er gleich gesagt, „du kommst mir bekannt vor, als ob wir uns schonmal getroffen haben“, auch wenn sie sich noch nie zuvor gesehen haben. Aber ihm kam sie aus irgendeinem Grund bekannt vor. Und irgendwie stimmt es, da ist eine Ebene zwischen uns allen gewesen. Ich finde das auf jeden Fall super spannend und bin zuversichtlich, dass es mit ihm im März zustande kommt. Direkt nach dem Treffen, bei dem wir auch kurz spielten, meinte Anna-Lena zu mir: „Der groovt ja wie sonst keiner mehr…“ 

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